Kommen und gehen, Hoffnung und Sorge, Enttäuschung und Zuversicht. Freude und Leid.  In der Eingangshalle des Klinikums kreuzen sich viele Wege.   Wie geht es mit meiner Gesundheit weiter? Was bedeutet die ärztliche Diagnose für meinen Angehörigen? Womit muss ich in Zukunft zurecht kommen? Was brauche ich jetzt? Was tut uns gut?
Dem Menschen Jesus waren diese Fragen nicht fremd. Mit denen, die gesund wurden, hat er sich gefreut - mit denen, deren Hoffnung schwand, hat er die Not ausgehalten und getragen. Er ist diese Wege selbst gegangen.
Und manchmal gehen die Gedanken über das ganz konkrete Umfeld hinaus, zu Menschen in fremden Regionen, zu der Welt, auf der wir leben.
Welches „Trostpflaster“ - im besten Sinne - wünschen Sie sich, Ihren Angehörigen, den bekannten und unbekannten BewohnerInnen unseres Planeten. Im Krankenhaus gibt es die Möglichkeit einen Gedanken oder ein Symbol auf ein Pflaster zu malen und auf einen Globus zu kleben. ​​​​​​​
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 
Matthäus 11,28
Gedanken zur Passion: „Alles gut!?“ während der Stationseröffnung

„Alles gut!?“ - so begrüßt man sich heute immer öfter; es ist die gesteigerte Version von einem einfach dahingesagten „Wie geht´s?“ Da war die Antwortmöglichkeit noch relativ offen, aber in „Alles gut“ klingt nicht nur ein Frage- sondern auch ein Ausrufezeichen mit - da muss man sich erst mal trauen, mit „Na ja“, War schon mal besser“ oder gar „nein - überhaupt nicht“ zu antworten.

Hier im Krankenhaus stößt so eine Formulierung schnell an ihre Grenzen. Wenn eine Krankheit auskuriert, ein Bruch versorgt, ein neues Gelenk gut eingesetzt ist, die Aussichten für die Reha gut, Mutter und neugeborenes Kind gesund und munter sind, die Entlassung ansteht - da passt das schon mit „Alles gut!?“
Aber wenn Unsicherheit, Warten angesagt sind, immer neue Komplikationen auftreten oder gar ein schlimmer Ausgang feststeht, wenn keine Heilung mehr möglich ist sondern nur noch Linderung, dann kann auch eine gutgemeinte Aufmunterung nicht trösten, wird leicht zum billigen Trost. Aus ihr spricht dann die Scheu, dem Leiden wirklich nahe zu kommen, es an sich heranzulassen; ich glaube, das hat auch etwas damit zu tun, dass Leid in unserer Zeit und unserer Gesellschaft immer stärker als „Betriebsunfall“ angesehen wird, den es tunlichst zu vermeiden gilt.
Die Leidensgeschichte Jesu, die Passion, mit ihren verschiedenen Stationen, die sich auch in das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft eingeprägt haben, spiegelt die großen Emotionen wieder, die mit der Nähe von Leid verbunden sind.
Die Erschütterung der Jünger, als Jesus ihnen beim letzten Abendmal eröffnet, was sich da anbahnt; 
die Einsamkeit, mit der Jesus im Garten Gethsemane konfrontiert ist; 
der Kampf seines Jüngers, sich der Übermacht der Soldaten zur Wehr zu setzen; 
die Verleugnung, das nicht für wahr halten wollen, mit dem Petrus auf die Gefangennahme reagiert. 
die Verhandlung vor dem Hohen Rat und bei Pontius Pilatus, die die ganze  Hilflosigkeit deutlich machen;
der Zwang, sich in den Fortgang der Geschichte bis hin ans Kreuz fügen zu müssen.

Dass diese Geschichte vom „Sohn Gottes“ erzählt wird, zeugt für mich von einer einzigartigen Ehrlichkeit: Da wird nicht behauptet, wer nur nahe genug bei Gott ist, dem kann im Leben nichts böses mehr widerfahren. Da wird nicht behauptet, dass Leid und Sterben „nur“ eine Art Betriebsunfall sind, die wir durch bessere Medizin, mehr Achtsamkeit oder besseren Willen schon noch in den Griff bekommen werden. 
All das ist nicht Mangel an Leben, kein Defizit, sondern Teil des Lebens - wenn auch kein geliebter und kein leichter Teil. 

Aber weil Gott auch diesen Teil unseres Lebens mit uns teilt, können wir uns ehrlich und offen darauf einlassen, dürfen uns unsere Angst eingestehen, müssen uns nicht hinter Floskeln verstecken.

Die Geschichte Jesu endet nicht am Kreuz, sondern mündet  in das Licht des Ostermorgens. Das ist die Verheißung, dass auch wir einmal Frieden schließen dürfen mit den schmerzhaften, traurigen und ungeliebten Teilen unseres Lebens - und manchmal scheint davon sogar schon jetzt etwas durch, wenn die ehrlich gemeinte Frage „Wie geht es dir?“ zum Schlüssel wird für den offenen Blick auf die Gedanken und Gefühle, die mich gerade wirklich bewegen.

Ulrich Bahr

You may also like

Back to Top